Satiren copyright Jon
"Was suchen Sie denn bitte in meinem Büro?"
"Ich suche Arbeit."
"Hier?"
"Na, Sie sind doch Arbeitgeber."
"Das stimmt, ich gebe Arbeit, wo ich nur kann."
"Sehen Sie und ich bin Arbeitnehmer. Ich suche Arbeit, wo ich nur kann."
"Zur Zeit habe ich keine Arbeit."
"Vielleicht wissen Sie es noch gar nicht und die Arbeit hat sich nur versteckt."
"Versteckt?"
"Ja, in irgendeinem Winkel Ihrer Firma."
"Das kann nicht sein, das wüsste ich."
"Sehen Sie, deshalb bin ich hier. Ich bin Arbeitsuchender."
"Arbeitsuchender?"
"Jawohl."
"Was sind Sie denn von Beruf?"
"Arbeitsuchender. Das ist mein Beruf."
"Arbeitsuchender? Ein merkwürdiger Beruf."
"Sagen Sie das nicht. Dafür habe ich lange studiert, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen besucht und jetzt bin ich selbständiger Arbeitsuchender, gefördert mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds."
"Ach ja?"
"Ja und jetzt biete ich jedem Betrieb meinen Service an, der meint, er hätte keine Arbeit mehr."
"Das ist ja interessant."
"Nicht nur das, sondern auch sehr effektiv. Was glauben Sie, wo ich schon überall Arbeit gefunden habe? Hier ist übrigens meine Referenzmappe mit Kommentaren meiner Auftraggeber."
"Was machen Sie denn, wenn Sie eine Arbeit gefunden haben?"
"Ich melde sie der Arbeitsvermittlung."
"Ihre Referenzen sind ja tatsächlich hervorragend."
"Selbstverständlich. Mir liegt das Wohl meiner Kunden nicht nur am Herzen."
"Sondern?"
"Sondern auch auf der Zunge."
"Auf der Zunge?"
"Ja, was meinen Sie, wie schnell es sich herum spricht, wenn es in irgendeiner Firma Arbeit gibt."
"Das glaube ich."
"Sehen Sie, jetzt habe ich doch wirklich auch bei Ihnen Arbeit gefunden."
"Was? Wo denn?"
"Auf Ihrem Schreibtisch liegt Arbeit ohne Ende."
"Hier liegt keine Arbeit."
"Doch, ich mache mal schnell ein Foto davon, für meine Akten, Sie gestatten. Bitte lächeln. Danke."
"Halt, wo wollen Sie hin?"
"Na, Meldung machen."
"Moment, Moment. Es stimmt, ich habe Arbeit."
"Sehen Sie, das habe ich schon gewusst, bevor ich Ihr Büro betrat."
"Was bekommen Sie denn pro Meldung einer Arbeit?"
"Mindestens 200 Euro, je nach Arbeitsumfang."
"Wenn Sie... Wenn Sie mich nicht melden würden..."
"Das darf ich ja gar nicht, so etwas geht doch nicht. Wie viel?"
"Sagen wir 400 Euro und einen guten Kaffee."
"500 und ein Mittagessen."
"Okay."
"Vielen Dank und empfehlen Sie mich weiter." © 2003 Jon
Aus: „Jons Ratgeber in gesunden und kranken Tagen“
„Guten Tag Herr Fauler. Hier ist der Pressesprecher der Firma DILA, Günter Haase. Wir haben Ihnen ein besonders ansprechendes Angebot zu machen. Sie sind doch freiberuflicher Journalist?“
„Ja.“
„Sehen Sie und deshalb dachten wir sofort an Sie. Wir sind dabei, eine neue Kundenzeitschrift aufzubauen die kostenlos für unsere zahlreichen Kunden ausliegen wird. Ein TV-Programm, Horoskope, Rätsel, das Übliche eben. Da bräuchten wir noch einige Artikel über unser Unternehmen, unsere Produkte, Reisetipps, Saisonspezifisches und so weiter.“
„Das hört sich ja gut an ...“
„Das hört sich nicht nur gut an, das ist gut. Selbstverständlich verzichten wir auf eine Chefredaktion. Sie wissen, die Zeiten sind schlecht und wir wollen keineswegs in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern gehen. So ist mir die Aufgabe übertragen worden, flotte Schreiber zusammenzusuchen, die in der Lage sind, journalistische Häppchen sozusagen mundgerecht anzubieten.“
„Das ist für mich kein Problem ...“
„Das weiß ich, ich kenne Ihre Publikationen und Sie sind mir sofort aufgefallen. Als freier Mitarbeiter kennen Sie ja genau den Markt. Sie schreiben genau so, wie wir es brauchen, flott, verständlich und informativ.“
„Danke ...“
„Herr Fauler, meine Zeit ist etwas knapp, Sie kennen ja das Redaktionsleben. Lassen Sie uns also jetzt zum Kern kommen, in medias res, wie der Lateiner zu sagen pflegt. Unser Angebot an unsere Kunden bringt nichts ein, ist lediglich als Service zu verstehen. Sie kennen vielleicht unsere Produktpalette?“
„Ja, als Freier kaufe ich ...“
„Sehen Sie, ich wusste sofort, dass Sie der richtige Mann für uns sind. Sie schreiben nicht nur gut, sondern Sie kennen unser Haus und unsere Leistungen. Jetzt kommt mein Vorschlag an Sie: Sie schreiben für unser neues Magazin ein oder zwei Artikel, die Themen teilen wir Ihnen mit. Sind Sie daran interessiert?“
„Ja, das interessiert mich sehr ...“
„Und Sie bekommen dafür von uns einen Warengutschein im entsprechenden Wert. Ist das nicht klasse? So sparen Sie sich den Weg zu Ihrem Geldinstitut und können gleich in einer unserer Filialen recherchieren. Oder sind Sie mit unseren Produkten nicht zufrieden?“
„Doch, wie gesagt ich kaufe gerne ...“
„Da sind wir uns also schnell einig geworden. Ich wusste doch, dass Sie ein Mann schneller Entscheidungen sind. Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich freue, Sie in unserem Team begrüßen zu dürfen. Hier ist dann schon Ihr erstes Thema: Gesunder Käse, seine Herstellung, usw. Abgabetermin wäre Montag in einer Woche, da haben Sie also noch zehn Tage Zeit. Bei Ihrem Talent dürfte das doch kein Problem sein, nicht wahr, Herr äh, Herr Fauler. Kann ich mich darauf verlassen? Wir haben übrigens über unsere Werbeaktionen gute Verbindungen zu Ihren sonstigen Auftraggebern und können vielleicht auch da etwas für Sie tun. Also, schaffen Sie das bis dahin?“
„Äh, ja ...“
„Herr Fauler, sehen Sie, wie schnell wir ans Ziel gekommen sind? Hervorragend, ich verbinde Sie jetzt mit meiner Sekretärin, wegen der Konditionen, usw. Willkommen an Bord und herzlichen Glückwunsch. Auf Wiederhören.“
„Ja, auf Wiederhör ...“
„Firma DILA, Sibylle Sonnenschein, Sekretariat Public Relations, was kann ich für Sie tun?“ © 2003 Jon
Letztens stand ich ziemlich genervt an meiner Straßenbahnhaltestelle.
Es zog ein eisiger Wind durch die Straßen und ich war mal wieder zu dünn bekleidet. Und die Straßenbahn kam und kam nicht.
"Jetzt eine warme Tasse Kakao."
Dachte nicht ich, sondern sagte eine warme Frauenstimme hinter mir.
Allerdings war ich der einzige Wartende an der Haltestelle.
Weit und breit war niemand zu sehen.
Autsch, dachte ich nur, jetzt gehts los. Zu was können Unterkühlungen führen?
Schneeblindheit, Fata Morganen, auch akustische Falschmeldungen konnten ihre Ursachen in zu hoher oder niedriger Umgebungstemperatur haben. Reinhold Messners Yetigequatsche war dafür ein ziemlich guter Beleg.
Einigermaßen zitternd grübelte ich darüber, bis ich hinter mir das Geräusch des Eingießens hörte.
Eindeutig, hier lag keine Störung meiner Wahrnehmung vor, hier ging etwas vor sich, das spektakulär und aufregend war.
Ich drehte mich langsam um und betrachtete das Plakat, das mir ebendiesen heißen Kakao versprach.
Eine aufreizend knapp bekleidete Dame südlichen Typs versprach mir heiße Stunden zu zweit, wenn ich nur ihren Kakao kaufte und zu mir nahm.
Hoppla, dachte ich da, ein freudscher Verhörer vielleicht? Der Wunsch als Vater des Gedankens?!
"Schon gesüßt und nur mit heißem Wasser aufgießen. Fertig ist der Schokotraum."
Jetzt hatte ich sie erwischt. In flagranti.
Ohne die vollen, schokoladenfarbigen Lippen bewegt zu haben, hatte sie mit mir gesprochen.
Nein, zu mir gesprochen.
"Schokotraum. Das Beste, um’s sich warm zu machen."
Leise Musik untermalte diese wohlklingende Versuchung.
Leichte karibische Rhythmen, zuckersüß, schokobraun fühlte ich mich, der käseweiß und bibbernd auf die Straßenbahn wartete, die mittlerweile fünfzehn Minuten Verspätung hatte.
Warm wurde mir ums Herz.
Der heiße Kakao duftete so herrlich, der erste Schluck breitete sich wohlig in mir aus.
So merkte ich glücklicherweise nicht, wie mir langsam die Zehen abstarben, meine Nase ein einziger Eiszapfen war und ich insgesamt so steif wurde, dass ich mich kaum noch von der Stelle bewegen konnte.
"Schokotraum."
Die Musik lullte mich mehr und mehr ein.
Ich schwankte zum Klang der Musik hin und her, hin und her, bis ich im Krankenhaus aufwachte.
"Da ist er ja wieder. Na, wie gehts uns denn?"
Darauf hatte ich noch nie eine umfassende Antwort geben können, also schwieg ich.
"Sie sind übrigens nicht der erste, der an dieser Haltestelle in Ohmacht gefallen ist."
"Ach?" kam es schwach über meine Lippen.
"Nein, seitdem die Unternehmen mit den Sprechenden Plakatwänden werben, sind schon einige hier gelandet. Komisches Phänomen."
Auch wenn diese Krankenschwester absolut nichts Exotisches an sich hatte, war ich dennoch froh ihre Stimme zu hören.
"Haben Sie eigentlich einen Wunsch?" fragte sie mich nett.
"Ja, danke. Bringen Sie mir doch bitte eine Tasse schönen heißen Kakaos, schon gesüßt."
"Gerne." sagte sie und verließ das Zimmer.
Durch die Fensterscheibe sah ich den trüben Herbsthimmel, an dem dunkle Regenwolken vorüberzogen. Unter meiner Bettdecke wippte ich mit meinen eiskalten Zehen zu einer karibischen Melodie, die ich irgendwie im Kopf hatte.
Was war das Leben schön! © 2003 Jon
1972
Die Welt schien noch in Ordnung.
Doch immer mehr Frauen emanzipierten sich von den drei K:
Kinder, Küche, Kirche.
Und immer mehr Männer drohten an akutem Hungertod zu sterben, weil die heimische Küche allzu kalt blieb.
Von belegten Broten zehrten sie, bis sie mit eingefallenen Wangen schwankend in ihre Opel Kadetts stiegen und nicht wenige Unfälle aufgrund gehäufter Ohnmachtsanfälle zu verzeichnen waren.
Einige wenige schafften es nach langem Training bis zur Mittagspause und stürmten mit geheultem "Mahlzeit" die Werkskantinen.
Doch auch hier klecksten ihnen im Krieg der Geschlechter versierte Köchinnen lediglich ein winziges Häufchen dünnen Kartoffelbreis auf den unendlich öd erscheinenden Teller.
Drei Erbsen, im Sinne kalorienbewusster nouvelle cuisine, umrahmten dekorativ positioniert matt-grün gräulich schimmernde Frankfurter im zarten Saitling, dazu ein Tütchen Senf und der lukullische Höchstgenuss war perfekt.
Das alles für DM 3,50.
So konnte es nicht weitergehen.
Nicht nur die Männer lagen geschwächt danieder, sondern auch die westdeutsche Wirtschaft brach immer mehr ein.
Vielfach wird die damalige Ölkrise als Ursache für den Rückgang des Bruttosozialproduktes jener Tage verantwortlich gemacht, aber Insider wissen, dass in Wahrheit knurrender Hunger die arbeitende männliche Bevölkerung derart lähmte, dass ein weiterer Verfall der Arbeitsmoral, frei nach den Worten Brechts, "erst kommt das Fressen und dann die Moral", zu befürchten war.
So sah sich ein Lebensmittelhersteller genötigt, auch männlichen Kunden, ihrer angeborenen Kochkünste aufgrund weiblicher Vorherrschaft auf diesem Gebiet entwöhnt, ein Produkt anbieten zu müssen, sollte Deutschland nicht unter der Last der weiblichen Emanzipation zusammenbrechen.
Mehrere Jahre harter Entwicklungsarbeit in den Labors waren notwendig, nicht nur ein Tütenessen zum günstigen Preis auf den Markt zu bringen, sondern es auch schmackhaft und gehaltvoll zu gestalten.
Im Jahre 1972 war es endlich soweit.
Erkenntnisse aus der amerikanischen und sowjetischen Raumfahrerbeköstigung erlaubten nun die preisgünstige Produktion sogenannter substitutioneller Nahrungsmittel, die auch ein Mann zu kochen in der Lage sein müsste.
Und tatsächlich gingen die neuen Erzeugnisse weg wie warme Semmeln.
Vor allem Frauen griffen gerne zu und brachten ihren Männern die neuen Leckereien sehr schnell nahe:
"Guck mal Schatz, was die Chemiker da Schönes für dich gemacht haben. Brauchst du nur mit Wasser anzurühren und schwups, bist du schon satt. Kannst du gleich mal ausprobieren. Ich treff mich mit meiner Frauengruppe in der Stadt. Schuhe kaufen. Soll ich dir noch den Herd einschalten, oder kommst du alleine klar?"
Die Männer gewöhnten sich schnell an den neuen Zustand, mussten sie doch jetzt nicht mehr länger von trockenem Brot mit Wasser leben.
Auch Wirtschaft und Handel konnten binnen weniger Monate enorme Zuwachsraten verzeichnen, vor allem im Bereich "Damenschuhe".
Woran man mal wieder sieht, wie viel gesellschaftliches Potential in so 'nem kleinen Pappschächtelchen stecken kann. © 2003 Jon
Kaum stehe ich am Tresen, beugt sich schon einer zu mir herüber, sein sprittiger Atem raubt mir fast meinen eigenen und starrt mich mit hochprozentigem glasigem Blick an, wobei er sich an meiner Lederjacke festkrallt: "Du bis ein Arschloch", lallt er mir in vertraulichem Plauderton ins Ohr, während er mit seiner linken Hand versucht, mir nicht sein halbvolles Glas abgestandenen Biers über die Hose zu kippen, sondern daraus zu trinken.
Normalerweise gebe ich auf der Stelle zu, nicht nur ein, sondern das Arschloch zu sein, hab ja schließlich auch meinen Stolz.
Aber, es mag an der Kälte liegen, durch die ich zu dieser Kneipe gepilgert bin oder an sonst was, ausgerechnet jetzt habe ich keine Lust auf die gewohnte Art und Weise diese, an sich feststehende Tatsache ohne Widerspruch zu bestätigen.
So kontere ich seinen Angriff, zwar rhetorisch nicht sehr geschickt, aber für Fälle dieser Art meist ausreichend mit: "Selber Arschloch."
Diesen Schlag muss mein neuer Freund erst verdauen; er zuckt zurück, begießt sich selbst mit dem köstlichen Nass seiner irdischen Freuden, hält sich an meiner Schulter fest, nimmt genügend Abstand, um mich mit zusammengekniffenen Augen zu mustern, zieht sich schwerfällig wieder an mich heran und flüstert mir, Speichel sprühend ins Ohr:
"Ichau dir gleichein innie Fresse."
Während ich sonst bei solchen Ankündigungen immer darum bitte, vorher meine Brille ablegen zu dürfen, sage ich diesmal, wieder ist mir unklar weshalb, nur:
"Okay, lass uns vor die Tür gehen."
Wieder gerät mein angehender Sparringspartner ins bekannte Barhocker-Sitzschwanken, schafft es aber nun, sein Glas an den Mund zu führen und es auf Ex` zu leeren.
Dann knallt er es auf den Tresen.
Nach Verrichtung dieser Kunstfertigkeiten, nimmt er, sich wieder an mich klammernd Maß, kneift die Augen zu engen Schlitzen zusammen, kommt mit seinem Kopf gefährlich nah auf meinen zugewackelt, geht erneut auf Distanz und blickt dann abrupt zur Bedienung, die hinterm Tresen zu tun hat.
"Hab dich vawesselt."
Überwältigt von dieser überraschenden Erkenntnis, legt er seinen schweren Arm um meine Schultern, zieht mich sanft zu sich heran und flüstert mir zärtlich ins Ohr:
"Hab dich mittem anneren Arschloch vawesselt."
Damit ist die Sache ein für alle Mal geklärt und es wurde noch ein netter Abend mit vielen erbaulichen Gesprächen, dank einiger Erfrischungsgetränke verschiedenster Inhaltsstoffe. © 2003 Jon
Endlich ist es wieder so weit. Lange genug haben Sie geknechtet, Blut und Tränen geschwitzt.
Urlaub.
Selbst nur zwei Wochen können für das ganze Jahr entschädigen. Aber nur, wenn man einige Tipps befolgt. Schon die Auswahl des Landes ist entscheidend.
Am besten ist es, Sie wissen überhaupt nichts über Ihr Urlaubsziel, sprechen nicht ein Wort der Landessprache, haben keinen Schimmer von Sitten und Gebräuchen der Bevölkerung und interessieren sich auch überhaupt nicht die Bohne dafür.
Es reicht vollkommen aus, wenn Sie die üblichen Klischees und Vorurteile parat haben.
So ist es für ein Urlaubsland wie Italien genug, zu wissen, dass dort die Mafia einige Drähte zieht.
Für Großbritannien reicht ein Blick auf die Speisekarte, um einen umfassenden Überblick über Land und Leute zu gewinnen: einfach miserabel.
An der Speisekarte können Sie sich auch in Frankreich orientieren. Hier wird einfach alles gefressen, was nicht schnell genug weg ist. Lassen Sie also Ihre Schildkröte daheim und passen Sie immer auf Ihren Hund auf. Vor allem in China. Sprechen Sie die Einheimischen immer auf ihre Eigentümlichkeiten an. Das Wort „Mafia“ geschickt ins Gespräch gewoben, sorgt für spannende Unterhaltung, vor allem auf Sizilien. Zeigen Sie Einfühlungsvermögen und
Ortskenntnis, indem Sie statt „Mafia“ in Neapel den Begriff „Camorra“ verwenden. Sollten Sie nicht alleine unterwegs sein, machen Sie sich einander mit lang ausgestrecktem Arm und vorgestrecktem Zeigefinger auf Besonderheiten an Personen aufmerksam. Danach lachen Sie vieldeutig. In den USA reicht es deren Verständnis der englischen Sprache mit dem weichgekochten „r“ nach zu machen, ohne irgendetwas von Sinn und Verstand auszudrücken. Die Amerikaner haben großen Sinn für diese Art von Humor und werden es Ihnen danken.
Fahren Sie in Großbritannien stets mit einem Leihwagen (ein Rolls Royce inklusive Vollkasko-Versicherung sollte es schon sein) auf der rechten, also richtigen Seite. In Frankreich sprechen Sie jeden auf seine Weintrinkernase an und ahmen, falls keine vorhanden, einen Frosch nach. Sie zeigen sich damit als echter Kenner der Landessitten.
In Ländern wie Griechenland oder der Türkei schwärmen Sie immer vom jeweils anderen Land. Das wirkt völkerverbindend.
Sollten Sie kein Wort der Landessprache sprechen, reicht ein T-Shirt mit der entsprechenden Landesflagge.
Die Bekleidung ist ein ebenso wichtiges Mittel sich als Eingeweihter zu präsentieren. Grundsätzlich gilt die Devise: In muslimischen Ländern immer so viel Haut zu zeigen, wie es eben geht. Mag sie auch noch so furchtbar anzuschauen sein. An Stränden reißen Sie sich sofort sämtliche Bekleidungsstücke vom Leib und baden so, wie Gott Sie schuf. Beschweren Sie sich unüberhörbar über alle Einheimischen, die sich ebenfalls am Strand befinden und
sich zudem in einer Sprache unterhalten, die Sie nicht verstehen können. Nahtlose Bräune allein ist der Nachweis dafür, dass Sie auch wirklich im Urlaub waren. Sollten Sie tatsächlich einmal essen gehen in Ihrem Gastland, fragen Sie niemals, was da auf der Karte steht. Bestellen Sie das teuerste Gericht, indem Sie zuerst mit den Fingern schnipsen ohne jemanden anzuschauen. Wird Ihnen das Essen serviert, beschweren Sie sich in jedem Fall über die lange Wartezeit.
Stochern Sie lustlos, ja angewidert auf dem Teller herum. Sollte es Ihnen wider Erwarten munden, verbergen Sie das unter allen Umständen und essen Sie alles auf. Drehen Sie
sich immer wieder zum Kellner herum, ziehen ein abschätzendes Gesicht, sagen aber nichts. Geht es ans Bezahlen, monieren Sie lautstark die unglaublich schlechte Qualität des Menüs. Das senkt den Preis und erhöht das Essvergnügen. Empfehlen Sie anderen Touristen nur die schlechtesten Restaurants. Sonst bekommen Sie in den guten so schnell keinen Platz mehr und müssen sich zudem auch noch mit nervigen Landsleuten herum ärgern. Ebenso verfahren Sie in Bars, Hotels, Pensionen und so weiter. Denken Sie stets daran: Sie haben bezahlt!
Fotografieren Sie alles, was man vor Ihnen scheinbar verstecken will. Das ist nur die angeborene Schüchternheit dieser Menschen. Zeigen Sie Weltoffenheit und überzeugen Sie
Ihre Gastgeber davon, dass man von Ihnen nichts zu befürchten hat, indem Sie die Menschen unaufgefordert in deren Behausungen besuchen. Sie werden staunen, wie viele Wohnungen
und Häuser unverschlossen sind. Allerdings kann die Mitnahme eines Dietrichs in Ausnahmefällen weiter helfen. Die Gastfreundschaft vieler Länder ist schon fast sprichwörtlich. So können Sie sich unvermittelt davon überzeugen. Sind Sie erst einmal in einem fremden Haus knipsen Sie, was das Zeug hergibt. Blitz zuschalten nicht vergessen! Letzte Blockaden rühren eher aus der Krämerseele vieler Leute vor allem in südlichen oder muslimischen Ländern. Bieten Sie dem Patriarchen (Sie erkennen Ihn daran, dass er am lautesten schreit) ein kleines Trinkgeld dafür an, von den weiblichen Familienmitgliedern Aktaufnahmen machen zu können.
Denken Sie hier, wie stets an Ihre Reisekasse: Sie haben nichts zu verschenken! Bei Einkäufen auf Märkten oder Basaren ist das Feilschen erstes Gebot. Bietet man Ihnen Ware zu umgerechneten Pfennigbeträgen an, können Sie davon ausgehen, dass man Sie über den Tisch ziehen will. Ein Zehntel des angegeben Preises ist immer vollkommen genug. Verhandeln Sie zäh und geschickt. Erst wenn Ihr Preis genannt wird, von dem Sie keinen Deut weichen dürfen,
schlagen Sie in den Handel ein. Feilschen Sie überall, wo es nur geht. Je ärmer jemand aussieht, desto mehr Geld hat er irgendwo gehortet. Hier heißt es hart bleiben.
Machen Sie daheim eine Dia-Show mit allen Freunden und Bekannten, loben Sie Gastfreundschaft, Essen, Preise, Sitten und Gebräuche Ihres Urlaubsortes, aber sagen dabei ganz deutlich, dass die Toiletten wirklich nicht gerade sauber waren. Somit sichern Sie sich den Neid und das Mitgefühl der Daheimgebliebenen und Ihr Urlaub war ein ganzer Erfolg.
Aus Jons Satirereihe: „Szenen meiner wilden Ehe“
Schwarz.
Ist keine Farbe.
Ich weiß.
Dennoch trage ich am liebsten schwarze Kleidung.
Aber, und da fängt es schon an, die Bettwäsche ...
Angenommen, die Bettwäsche ist orange, auch mal blau, das geht. Problematisch ist jedoch gelb, rot und am schwierigsten: weiß!
Blue Jeans sind auch okay, meine Waschmaschine kennt da keinen Aufnahmestopp.
Jetzt aber sagt meine Liebste, sei sie doch erstaunt über die Eintönigkeit meiner, zum Beispiel Bettwäsche.
„Wo ist denn der gelbe Bettbezug?“ fragt sie mich dann, wie nebenbei.
„Der, den ich dir letzten Monat geschenkt habe?“
Wir beziehen nämlich gerade die Bettdecken neu.
Da liegt er doch. Da vor dir, auf dem Sessel.“
„Das? ...“
Sie hält den Bettbezug in beiden Händen, gelb wie der grellste Sonnenschein.
„ ... soll der gelbe Bettbezug sein, den ich dir letzten Monat geschenkt habe?“
Ihr Entsetzen erschüttert mich.
Ist etwas Schreckliches in ihrer Familie passiert, was sie mir bis jetzt nicht sagen konnte?
Wurde sie bestohlen, ausgeraubt oder furchtbar beleidigt?
Hat sie ihren Job verloren?
„Ja, natürlich ist das der gelbe Bettbezug, den du mir letzten Monat geschenkt hast. Den sollte ich doch noch waschen, bevor wir ihn benutzen ...“
Mit gefährlich unschuldiger Miene und honigsüßer Stimme fragt sie mich:
„Du hast diesen Bettbezug also gewaschen?“
Hätte ich gewusst, wie viel Freude ihr das macht, hätte ich ihr das schon längst erzählt.
So sage ich nur:
„Ja, letzte Woche schon. Zusammen mit der anderen Wäsche.“
Haben Sie schon einmal einen Engel zum wilden Tiger mutieren sehen?
Ich meine nicht im Laufe mehrerer Jahre. Das ist ja nichts Außergewöhnliches, sondern Natur.
Nein, von einem Augenaufschlag zum nächsten, zwischen zwei kurzen Atemzügen, meine ich.
„Zusammen mit der anderen Wäsche!“ faucht dieser Tiger jetzt durch den Raum.
Tiger liebe ich zwar, aber nur von der sicheren Seite des Käfigs.
Ich draußen, du Tiger drinnen.
„Mit welcher anderen Wäsche denn?“
Löst sich nicht etwa schon die Tapete von den Wänden oder ist es lediglich das Zittern meines vom Sturm der Wildnis geschüttelten Kopfes, der mich Dinge sehen lässt, die noch nicht geschehen?
„Na, mit der anderen Wäsche eben,“ versuche ich mich als Dompteur.
Vergebens.
Sie schreitet, das Corpus Delicti noch in Händen zum Tatort, vormals Waschmaschine, vor dem sich noch Spuren, in Form ungewaschener Wäsche stapeln.
„Mit schwarzer Wäsche etwa?“
Habe ich nicht ein Alibi?
War ich nicht, während die Waschmaschine lief, im Supermarkt gewesen und hatte dort eingekauft?
Eindeutig lag hier meine Unschuld auf der Hand.
Schuld war die Waschmaschine. Dieses verflixte Ding.
Aber mach´ das mal jemandem klar, der für wahre Logik kein Ohr hat.
„Schon wieder. Was war denn diesmal? Socken? Die schwarze Jeansjacke? Die T-Shirts? Oder deine Pullover? Und dann wahrscheinlich auch noch bei 60°! Ich fass es nicht.“
Hier hilft nur ein bekümmerter Blick, den man der Liebsten zuwirft und der Hinweis, dass man ja gleich noch was Leckeres zum Abendessen kochen wolle oder der Griff zum Fleischermesser.
Letzteres aber nur rein präventiv.
Gut kommt auch das Versprechen an, die Bettwäsche nie mehr waschen zu wollen.
Dabei wackelt man am besten schuldbewusst mit dem Kopf, zuckt burschikos mit den Schultern und lässt die Hände defensiv in den Hosentaschen.
Schließlich ist man ja auch nur ein Mann und nicht die allwissende Waschtrommel – Klementine.
Nie wieder werde sie.
Gelbe Bettwäsche an mich schnöden Verächter jeglichen Feinwaschgefühls verschwenden.
Perlen seien das.
Den Rest denke ich mir, während ich sie mit aller Vorsicht aus der engen Kochnische herauskomplimentiere und die Zutaten für das Abendessen zusammenstelle und anfange zu kochen.
Irgendwie freue ich mich schon jetzt darauf, nachher mit meiner Liebsten im Bett zu liegen.
Unter dem neuen gelben Bettbezug, den sie mir letzten Monat geschenkt hat. © 2003 Jon
Aus der Wirtschaft
Wo wir gerade beim Thema Sex sind, da gibt es demnächst einen neuen Teleservice, der ja vielleicht auch etwas für Sie ist:
Perverse Anrufe!
Während die älteren Telekommunikativen unter uns noch den klassischen obszönen Anrufer kennen, der einen immer eiskalt unter der Dusche erwischte und sich mit einem knarzigen "Hallo, ich bins" meldete, kennen die Jüngeren der E-Mail und SMS-Generation dieses herrliche Stückchen deutscher Alltags- und Kommunikationskultur nur noch vom Hörensagen.
Ein findiger japanischer Unternehmer hat jetzt damit begonnen, in Korea, dort sind die Löhne und die Telefonkosten niedriger, der Mann denkt eben auch global, ein Call-Center der besonderen Art nach dem anderen aufzubauen:
"Rent-A-Thrill-Call", also miete einen schauerlichen Anruf, heißt es da und nach Überweisung einer bestimmten Summe, kann der solvente Herr und die gepflegte Dame in Japan endlich wieder damit rechnen, zu den unmöglichsten Uhrzeiten aus dem Bett, von der Toilette oder von sonst wo vom durchdringenden und nicht endenden Klingeln des dafür eigens mitgelieferten Telefons aufgeschreckt zu werden und sich mal was so richtig Fieses ins Ohr hauchen zu lassen.
Dieses Telefon lässt einen derart schrillen Ton hören, der schon so manchen Fehlalarm bei diversen Feuerwehren ausgelöst haben soll.
So nimmt der Kunde also zitternd vor Schreck und freudiger Erwartung den Hörer ab und bekommt, was er bestellt hat:
Geraunze, Stöhnen, Beschimpfungen tief unter jeder Gürtellinie, Geräusche sexueller Fremdeinwirkungen und für die ganz Hartgesottenen wird auch mal die eine oder andere Morddrohung ins Programm gestreut.
Alles sei live und nicht vom Band, denn er beschäftige mittlerweile 65 Ex-Polizisten und 78 Hausfrauen, die den ungewöhnlichen Job für ihn bestens erledigen, beteuert der findige Unternehmer mit strahlenden Augen.
Auf die Frage, ob auch ein zusätzlicher E-Mail- oder SMS-Service für die Zukunft geplant sei, antwortet Herr Kahira abwinkend:
"Mit diesen unpersönlichen Kommunikationsmitteln müssen sich meine Kunden und Kundinnen schon den ganzen Tag im Büro abgeben. Unser Service besteht eben darin, ein wirklich intimes Verhältnis zwischen dem Auftraggeber und dem Thrill-Call-Center-Mitarbeitern aufzubauen und da geht nichts über die warme menschliche Stimme."
Allerdings denke er schon daran nach dem asiatischen zuerst den europäischen und dann den amerikanischen Markt zu erobern, denn hier sei der Bedarf an telefonischer Kasteiung ohne Hoffnung auf Absolution gewiss, fügt er mit einem Lächeln hinzu.
Besonders die Herren aus gehobeneren Positionen würden gerne das "Give-A-Thrill-Call"-Geschenk-Paket an Ihre Liebsten verschenken:
"Das ist der Kick für die ganze Familie. Kein Fernsehprogramm kann da noch mithalten. Dadurch reden die Menschen wieder miteinander und diskutieren die verschiedenen Anrufe, die sie bekommen haben. So haben wir schon manche Ehe gerettet, die an allzu großer Monotonie zu verkümmern drohte," betont der Unternehmer den therapeutischen Nutzen seiner Geschäftsidee und reibt sich die schmalen Hände.
Und wenn manch ein Kunde nicht mehr zahlen oder aus dem Vertrag aussteigen wolle, würde es wirklich ernst, denn dann rufe er, der Chef ihn persönlich an:
"Zu unserem Service gehört die Betreuung bis ans Grab. Das ist ein Abkommen fürs ganze Leben."
Mit einem freundlichen Kotau versichert er uns gewohnt charmant lächelnd "jetzt wird es wirklich gefährlich" und geht in sein hochmodernes "Thrill-Call-Center"; die neuen Mitarbeiter müssen noch eingearbeitet werden.
Ja, ja, Japan. © 2003 Jon
Heribert Fix, der Blitz-Reporter
Heute: Pädagogik
Präkoitale Edukation
Fix: "Wir befinden uns heute mitten im Krisengebiet, der Hauptstadt Berlin. Ganz Deutschland beugt sich unter der Schmach, die vor nicht allzu langer Zeit ruchbar wurde und nun die gesamte Nation verunsichert. Nein, diesmal geht es nicht um Politik, jedenfalls nicht direkt, sondern um unsere intellektuelle Zukunft, die nicht gerade rosig auszusehen scheint. So offenbarten mehrere Studien, die an deutschen Schulen durchgeführt wurden, dass große Defizite im Bereich der Bildung vorherrschen. Zu diesem Thema haben wir die Bildungskoryphäe Herrn Professor Günter Plettenberg zum Interview eingeladen. Guten Tag Herr Professor Plettenberg."
Plettenberg: "Guten Tag, Herr Fix."
Fix: "Herr Plettenberg, Sie waren als Professor für Pädagogik in nicht unerheblichem Maße an diesen Studien beteiligt. Zu welchen Schlüssen sind Sie gelangt?"
Plettenberg: "Ich würde sagen, wir befinden uns in einer prekären Situation. Aber sicherlich wäre es an dieser Stelle voreilig, jetzt schon von einem endgültigen Ergebnis zu sprechen."
Fix: "Ah, ja."
Plettenberg: "Sie müssen verstehen, als Wissenschaftler bin ich der Objektivität verpflichtet."
Fix: "Selbstverständlich. Aber ..."
Plettenberg: "Zuerst einmal geht es in erster Linie darum, einen Status quo zu konstatieren. Erst dann können die Daten statistisch ausgewertet Grundlage weiterer Studien sein."
Fix: "Sicherlich. Dennoch muss es an dieser Stelle doch schon möglich sein ..."
Plettenberg: "Auch, und das betone ich hiermit in aller Öffentlichkeit noch einmal zum wiederholten Male, wenn es heutzutage Usus ist, mit schnellen Ergebnissen vor die Medien zu treten und sich mit unausgegorenen Schlüssen zu profilieren."
Fix: "Damit haben Sie..."
Plettenberg: "Und ob. Meine Sache ist es nicht, und das bitte ich im Zusammenhang mit meiner Person ganz entschieden zu beachten, mich mit, ich unterstreiche das ganz dick, verstehen Sie?"
Fix: "Natürlich."
Plettenberg: "Das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit, das können Sie mir glauben. Da habe ich schon ganz andere Erfahrungen mit Ihren Kollegen gemacht."
Fix: "Mmh, tja."
Plettenberg: "Sehen Sie. Wenn man die Dinge so wie ich auf den Punkt bringt, erntet man nur das große Schweigen."
Fix: "Herr Professor, Sie haben nun den Vorschlag gemacht, Kinder schon im Alter von vier Jahren einzuschulen, die Schulzeit drastisch zu verkürzen, so dass mit einundzwanzig Jahren ein Vollstudium mit dreijährigem Auslandspraktikum abgeschlossen sein könnte."
Plettenberg: "Sehen Sie, auch Sie fangen damit an."
Fix:" Womit?"
Plettenberg: "Das wissen Sie selbst am besten."
Fix: "Aber ich zitiere Sie doch nur. Erst vor einer Woche haben Sie..."
Plettenberg: "Darum geht es doch hier gar nicht. Haben Sie studiert?"
Fix: "Ja..."
Plettenberg: "Dann sollten Sie doch wissen, wie wichtig pränatale Edukation als Grundstock für eine vernünftige und moderne Karriereplanung auch und gerade in diesen Zeiten ist. Wir können so nicht weitermachen. Das sollten selbst Sie einsehen."
Fix: "Pränatale Edukation?"
Plettenberg: "Selbst-ver-ständ-lich. Als wissenschaftlich interessierter Laie weiß man doch, welch wichtigen Beitrag schon die Entwicklung im Mutterleib auf die spätere Intelligenz hat. Schulung und Training müssen folglich während der Schwangerschaft einsetzen."
Fix: "Aha?"
Plettenberg: "Jawohl. Und nicht nur das. Wenn wir die Chance, wieder das Land der Dichter und Denker zu werden nicht allein der Evolution überlassen wollen, die sich mit uns in den letzten Jahren ja so manch bitteren Scherz erlaubt hat, sollten wir vor allem an eine umfassende präkoitale Edukation denken."
Fix: "Präkoital?"
Plettenberg: "Jawohl, denn es kann doch nicht sein, dass sich hierzulande jeder mit jedem paart und wild vermehrt. Mit einfachsten Testverfahren kann schon die Befähigung zur Fortpflanzung geprüft werden. Ein kleiner Eintrag in den Ausweis und das Paar kann sich beim ersten Treffen sicher sein, inwieweit eine intelligente Familienplanung in Frage kommt. Wir haben in unserem Land schließlich eine Tradition zu wahren. Außerdem heißt es doch so schön: Drum prüfe, wer sich ewig bindet..."
Fix:"... ob er nicht was... ?!"
Plettenberg: "Sehen Sie. Da sind wir doch einer Meinung."
Fix: "Äh, ja. Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview, Herr Professor Plettenberg." © 2004 Jon
Weihnachten, das Fest der Liebe
Na, haben Sie sie alle beisammen?
Ihre Weihnachtsgeschenke, meine ich.
Bei uns bekommt Vati dieses Jahr ausnahmsweise eine Krawatte, mit dem bindenden Hinweis, dass es jetzt Mode ist, den modischen Zierstreifen besonders eng zu knoten. So bleibt uns eventuell noch was vom Braten übrig.
Mutti freut sich über neue Topfhandschuhe, man kann das Gekreische aus der Küche ja auch wirklich nicht mehr hören, wenn sie sich mal wieder am heißen Backofen die Finger verbrennt.
Scheußlich, da kommen einem ja die Plätzchen hoch.
Oma ist begeistert vom Geschmack der Gebissreinigungstabletten, von denen sie so gerne heimlich nascht. Nur schade, dass sie auf der Stelle vergessen hat, was sie da im Mund hin und her flutschen lässt, während ihre High-Tech-Kauleiste zum Freundschaftspreis von 15.000 Euro neben ihrer Kaffeetasse liegt und verführerisch im Kerzenschein glitzert.
"Wenn ich daran denke, dass da mein neues Auto vor sich hinvegetiert", sagt Vati mit Blick auf Omas Erbstück für kommende zahnlose Generationen.
Überhaupt ist schon ausgemacht, dass der dusselige Cousin Karl-Heinz auf keinen Fall den unteren Teil des kaum gebrauchten Gebisses bekommen wird, mag er auch noch so sehr das derbe Kinn der Oma geerbt haben.
Opa nervt ein wenig mit seinem Gemümmel, das er ständig von sich gibt, während er mit seinem Rollstuhl im Esszimmer um den Tisch kurvt, eine funkelnagelneue knallrote Formel-1-Kappe auf dem Kopf.
Die eingeheiratete Carola macht liebend gerne das Boxenluder, denn bei der Gelegenheit kann sie doch endlich ihre neuen tschechischen Brustimplantate präsentieren.
Opa gefällt's und auch wir sind von den Möglichkeiten der Schönheitschirurgie begeistert, obwohl diese leider keinerlei Auswirkungen auf Carolas Intelligenz hat. Man kann eben nicht alles auf einmal haben, aber vielleicht beim nächsten Mal.
Einen Nachteil bringen die Riesenbrüste Carolas vielleicht noch mit sich, dass nämlich der Weihnachtsbraten im Vergleich zu ihnen kümmerlich wirken könnte.
Vati hat die Krawatte wirklich sehr modisch eng um seinen Hals gebunden und schaut nun mit stierem Blick etwas atemlos auf das allgemeine Geschehen, während Mutti in der Küche hantiert.
Ein Schrei!
Vati brüllt: "Was ist los?"
Mutti schreit zurück: "Ich habe mich verbrannt, du Trottel!"
"Aber warum hast du denn nicht deine neuen Handschuhe angezogen?" rufen wir, aus tiefsten Weihnachtsträumen aufgeschreckten Kinder fast einstimmig.
"Die sind doch für gut."
Na, logisch, da hat sie recht.
Opa steht, um Luft ringend vor Carola, kein Mümmeln zu hören. Sollte es so weit sein oder hat er nur einen Kolbenfresser, Platten oder Speichenbruch?
"Hol mal einer schnell die Traubenzuckerdinger. Opa ist wieder unter Zucker."
Schwupps, zwei, drei dünne Plättchen eingeworfen und Opa rockt wieder das Haus.
"Jetzt sollten wir aber mal den Wein probieren, den Vati mir geschenkt hat", schlägt meine Schwester Petra vor und gibt ihrem Sohn Kevin-Brad eins auf die Finger, weil der mit Omas Gebiss Wasserflugzeug spielt, indem er es in deren kalten Kaffee tunkt und tropfnass am ausgestreckten Arm durch das Zimmer 'fliegen' lässt. Kevin-Brad schlägt zurück, trifft aber nur die Oma und die hat's ja eh gleich darauf vergessen. So ein Glück.
Da wohl alle anderen zu faul sind, frischen Kaffee zu kochen, ruft Vati japsend in die Küche: "Bring doch mal die Weingläser aus dem Wohnzimmer. Die Kinder haben Durst. Und vergiss nicht wieder den Korkenzieher."
Mutti stellt die Gläser auf den Tisch, Vati öffnet leicht schwankend drei Flaschen Wein und schenkt ein. Hat er wieder heimlich getrunken?
Carola winkt Opa mit ihrem seidenen Halstuch an die Boxen, was der sich nur gefallen lässt, weil wir alle klatschen und ihn als Sieger feiern.
Oma hat mittlerweile ihr Weihnachtsgeschenk schon vollständig aufgelutscht und macht sich jetzt über den Weihnachtsteller von Kevin-Brad her. Ja, Rache ist Blutwurst.
Kevin-Brad heult noch mehr, lässt sich aber damit stillen, dass ihm sein Onkel Fritz verspricht, ihn bei der nächsten Reise in die Tschechei mit Tante Carola mitzunehmen, der Onkel Doktor Schönheitschirurg würde sich dann mal Kevin-Brads Nase anschauen, die sähe ja wohl verboten aus.
"Man sollte schon was daran machen, bevor er in die Schule kommt und nur gehänselt wird", erklärt Fritz fachmännisch und fügt hinzu, "so 'ne Nase kostet ja auch nicht die Welt."
Kevin-Brad zieht sich angesichts dieser hoffnungsvollen Aussichten in die dunkelste Ecke zurück und wir können ungestört Petras Wein genießen.
"Siehst du Petra", sagt Carola, "das meinte ich vorhin, als ich gesagt habe, dass Fritz sich gut mit Kindern versteht."
"Ach, halb so wild", erwidert Fritz bescheiden, "man muss nur die kleinen Probleme der Kinder sehen und schon ist es ganz einfach."
"Ja, der Fritz", sagt Mutti, die den Tisch deckt, "ein echter Goldjunge."
Der 'Goldjunge' grinst über sämtliche Backen und schaut mich, seinen Bruder triumphierend an.
Na, denke ich, dir werde ich die Bratensoße aber gleich mal so was von rüber geben und grinse zurück.
Endlich steht der Braten auf dem Tisch und ist wie erwartet tatsächlich kleiner als Carolas tschechische Brüste, die Fritz, dieser Gernegroß ihr zum Fest der Liebe spendiert hat. Dieser Angeber.
"So Kinder, jetzt kommt der große Moment", kündigt Vati nicht ganz so munter wie im letzten Jahr an, er wirkt heute irgendwie gehemmt.
Alle wissen, was er vorhat und rücken mit ihren Stühlen so weit wie möglich nach hinten.
"Das Bratenmesser."
Er krempelt vorher noch die Hemdsärmel hoch, legt den Ehering und die Armbanduhr ab und ergreift das lange scharfe Messer, das Mutti ihm ergeben hinhält.
"Die Gabel."
Nun zerlegt er den Braten in Scheiben, dass es nur so spritzt. Jeder bekommt seinen Anteil und kann sich vorab schon einmal von der Qualität der mütterlichen Kochkunst überzeugen.
"Na, das ist ein Braten, was?" fragt Vati, rein rhetorisch, während das Objekt seiner Freude auf dem ovalen Bratenteller gefährlich hin und her rutscht.
Alle, bis auf Kevin-Brad, der sich lieber davon überzeugt, ob Vatis Armbanduhr nicht nur wasser-, sondern auch weindicht ist, schauen dem alljährlichen Bratenzerlegeritual gebannt zu.
Es ist vollbracht; jeder hat seine Bratenscheibe vor sich auf dem Teller liegen, Mutti kommt mit den Schüsseln voll dampfender Kartoffeln, Rotkohl gibt's auch und meine Bratensoße für Fritz.
Es geht doch nichts über Weihnachten im Kreis seiner Liebsten. © 2003 Jon